Christine de Pizan
100 Bilder der Weisheit
Eine Kindheit in Paris
Christine de Pizan war gerade einmal vier Jahre alt, als sie 1368 dem französischen König Karl V. als Tochter des venezianischen Mediziners, Astronomen und Astrologen Tomaso Benvenuto de Pizzano vorgestellt wurde. Ihrem Vater verdankte sie eine gute Bildung in Latein, Geometrie und Arithmetik.
Trotz des Hundertjährigen Krieges war Paris unter Karl V. dem Weisen das geistige Zentrum von Kunst und Kultur in Europa. Die Herrscher des Hauses Valois zogen als Mäzene Künstler aus ganz Europa in die französische Metropole. Diese Welt prägte die heranwachsende Christine maßgeblich, sie gewann in der königlichen Familie wertvolle Gesprächspartner, die sie auf ihrem späteren Lebensweg begleiten sollten.

Die erste selbstständige Schriftstellerin des Abendlandes
Nachdem der Vater Christine de Pizans und bald darauf auch ihr Ehemann verstarben, musste die junge Frau für ihre Existenz und die ihrer Kinder sorgen. So begann sie ihren Lebensunterhalt mit Schreiben zu verdienen, erst als Kopistin, dann als Autorin eigener Werke.
Die Werke antiker Schriftsteller wie Homer, Ovid oder Vergil waren ihr vertraut, aber auch diejenigen mittelalterlicher Autoren wie Dante, Petrarca und Boccaccio. So konnte sie das Wissen ihrer Zeit im Umkreis des Hofes künstlerisch und literarisch perfekt umsetzen.
Christine de Pizans profunde Bildung war die Grundlage für ihre vielfältige schriftstellerische Tätigkeit.
Die beratende Stimme einer Frau
Vor allem zwei Werke begründeten den dichterischen Ruhm der Christine de Pizan: Die Stadt der Frauen und der Othea-Brief. Zu ihren Lebzeiten erfreute sich der Othea-Brief aus dem Jahr 1400 mit seinen hundert Bildern der Weisheit besonderer Beliebtheit. Der Brief einer fiktiven Göttin der Weisheit – Othea – an den 15-jährigen trojanischen Helden Hektor machte die Dichterin zur Erzieherin ganzer Generationen. Mit hundert Beispielen, die dem trojanischen Sagenkreis sowie der antiken Mythologie und Dichtung entnommen sind, werden Ratschläge für ein rechtschaffenes Leben begründet. Dabei versäumte sie es auch nicht, die Rolle der Frauen besonders hervorzuheben. Denn bei ihren Ratschlägen werden vor allem Beispiele angeführt, die zeigen, dass es den Männern gut anstünde, auf das weibliche Geschlecht zu hören. Dieser Ansatz war geradezu unerhört: die Frau als Beraterin des Mannes und als Vorbild!
Das wohl schönste illustrierte Beispiel dieses klar gegliederten Textes ist unsere Bilderhandschrift, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschaffen wurde. Ein Bilderbuch, in dem man, auch ohne den Text zu lesen, die reiche schöpferische Kraft der Christine de Pizan erleben kann.
Anonym ist bis heute der großartige Meister der 98 Miniaturen (2 Seiten sind verloren gegangen). Seine hohe malerische Qualität weist eindeutig auf das künstlerische Umfeld von Barthélemy d’Eyck. Der Schöpfer dieser Bilderhandschrift gehört zu den ganz großen Malern seiner Zeit.
Christine de Pizan und ihr berühmter
Othea-Brief
Lebhafte Farben, reicher Goldschmuck und zartes Silber kennzeichnen die 98 Illustrationen dieser Handschrift und geben den Lebensweisheiten der Christine de Pizan das verdiente Kolorit. Meist mehr als die Hälfte der Seite füllende Miniaturen illustrieren dieses Buch, das zu einer Zeit entstand, als Tafelbilder und Buchmalerei erstmals in direkte Konkurrenz zueinander traten.
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